Wie präsent sind heute die negativen Einflüsse von Geschlechterstereotypen und unbewussten Vorurteilen?

1. Der „Think-Manager-Think-Male“-Bias
Ich möchte zunächst eines klar stellen. Wenn ich von eigenen Erfahrungen berichte, dann bedeutet das nicht, das hier von Vorsatz die rede ist. Die meisten Menschen, die sich hier angesprochen fühlen sind durchaus bereit, sorgfältig über Ihre Vornahmen nachzudenken.
Aber zunächst zur Sache.
In vielen Unternehmen herrscht nach wie vor das Stereotyp vor, dass eine erfolgreiche Führungskraft primär maskulin konnotierte Eigenschaften wie fachliche Dominanz, analytisches Denken und Durchsetzungsstärke besitzen muss.
- Fachliche Stärke als Alibi: Da Fachwissen oft mit Führungskompetenz gleichgesetzt wird, werden Entscheider befördert, die zwar technisch brillant sind, denen aber die notwendige Menschenführung fehlt. Ganz nebenbei: Man verliert dadurch eine seiner besten Fachkräfte und bekommt eine mittelmässige Führungskraft, die in operativer Führung stecken bleibt.
- Benachteiligung von Frauen: Während Männern Führungspotenzial oft allein aufgrund ihrer fachlichen Präsenz unterstellt wird, müssen Frauen ihre Kompetenz erst mühsam beweisen. Frauen, die dann einen eher beziehungsorientierten (transformationalen) Führungsstil pflegen, werden zwar als sympathisch, aber oft als weniger respektabel wahrgenommen.
2. Mangelnde Selbstführung als Einfallstor
Fachlich starke Entscheider, die wenig in Selbstführung investieren, neigen dazu, unbewusste Vorurteile nicht zu reflektieren. Durch diesen Mangel an reflexiver Selbstführung entstehen folgende "Defizite":
- Der Affinity Bias: Ohne die Fähigkeit zur Selbstreflexion wählen Entscheider bevorzugt Menschen aus, die ihnen in Herkunft, Geschlecht oder Habitus ähnlich sind. Man spricht dabei von der „Homosoziale Reproduktion“.
- Der Halo-Effekt: Ein Entscheider kann durch die fachliche Brillanz eines Bewerbers so geblendet sein, dass er Defizite in dessen Teamfähigkeit oder emotionaler Intelligenz übersieht.
- Reflexionsdefizit: Studien bei Unternehmen wie Swisscom zeigen, dass Führungskräfte zwar von der Existenz von Biases wissen, ihnen aber oft der Bezug zur eigenen Praxis und die Fähigkeit zur aktiven Selbstkorrektur fehlen.
3. Delegation von „Emotionsarbeit“ und „Office Housework“
Wenn Entscheider die Menschenführung vernachlässigen, entsteht ein Vakuum bei sozialen Aufgaben, das oft von Frauen gefüllt wird.
- Unsichtbare Arbeit: Frauen übernehmen oft die notwendige Emotionsarbeit (Konfliktschlichtung, Zuhören, Motivation), während sich der (männliche) Entscheider auf die „harten Fakten“ konzentriert.
- Office Housework: Frauen leisten doppelt so häufig freiwillige Zusatzaufgaben, die für den Zusammenhalt essenziell, aber kaum karrierefördernd sind. Ein Mangel an Menschenführung beim Entscheider führt dazu, dass diese Leistungen weder erkannt noch belohnt werden.
4. Der notwendige Wandel zur transformationalen Führung
Der aktuelle Kontext der Arbeitswelt (z. B. Remote Work, zunehmende Komplexität) erfordert im Grunde eine Abkehr vom rein fachbasierten Führungsstil.
- Transformationale Führung: Dieser Stil, der auf Inspiration, Vorbildfunktion und individueller Unterstützung basiert, gilt als besonders effektiv für moderne Organisationen.
- Genderspezifischer Standard: Interessanterweise müssen Frauen oft sowohl fachlich als auch in der Menschenführung („männliche“ und „weibliche“ Qualitäten) glänzen, um als effektiv wahrgenommen zu werden, während bei Männern oft die fachliche Stärke allein ausreicht.
- Coachingbedarf: Führungskräfte geben in Umfragen selbst an, dass sie in Bereichen wie Coaching und Weiterbildung Unterstützung benötigen, um den neuen Herausforderungen (wie der Führung von Remote-Teams) gewachsen zu sein.
Zusätzlich hält der Backlash-Effekt Einzug.
Dieser Effekt bezeichnet im Führungskontext die sozialen oder wirtschaftlichen Sanktionen, die Frauen erfahren, wenn sie durch ihr Verhalten traditionelle Geschlechtsstereotype verletzen.
Der Effekt entsteht aus einer Diskrepanz zwischen den Erwartungen an eine Führungskraft und den Erwartungen an eine Frau.
Wenn Frauen in Führungspositionen sich bestimmt und dominant verhalten, erfüllen sie zwar die Anforderungen an ihre Rolle als Chefin, verletzen aber gleichzeitig das Rollenbild der „typischen Frau“. In der Folge werden ihnen weibliche Qualitäten wie Fürsorge abgesprochen.
Konkrete Folgen
Der Verlust an Sympathie am Arbeitsplatz ist kein rein emotionales Problem, sondern hat handfeste berufliche Nachteile:
- Soziale Ablehnung: Frauen in Führungspositionen sehen sich häufig mit Feindseligkeit und Ausgrenzung in ihrem Arbeitsumfeld konfrontiert.
- Karrierehindernisse: Die negative Wahrnehmung führt oft zu geringeren Gehältern und schlechteren Chancen auf weitere Beförderungen, da für den Aufstieg neben Kompetenz meist auch Sympathie entscheidend ist.
- Höhere Beweislast: Während Männern Führungspotenzial oft allein aufgrund ihres Geschlechts unterstellt wird, müssen Frauen ihre Kompetenz erst mühsam beweisen, nur um dann für eben diese Kompetenz durch den Backlash-Effekt bestraft zu werden.
Vermeidungsstrategien und Risiken
Wie können Frauen den Effekt abmildern?
- Indirekte Dominanz: Backlash lässt sich teilweise vermeiden, wenn Dominanz subtiler gezeigt wird (z. B. durch Blickkontakt statt durch Befehle).
- Transformationale Führung: Dieser Stil kombiniert Inspiration mit individueller Unterstützung und wird bei Frauen oft positiver bewertet.
- Der doppelte Standard: Um als effektiv wahrgenommen zu werden, müssen Frauen oft männliche und weibliche Qualitäten gleichzeitig zeigen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Solange fachliche Stärke als primäres Auswahlkriterium für Führungspositionen gilt und Selbstführung sowie Menschenführung als „Soft Skills“ unterschätzt werden, bleiben strukturelle Diskriminierung und der Ausschluss von Frauen aus Männerdomänen bestehen.
Insgesamt lässt sich aus meiner Sicht eine Tendenz zur Gleichbehandlung erkennen. In vielen Organisationen wird dieses Thema allerdings noch auf die leichte Schulter genommen, oder einfach nicht thematisiert. Dadurch wird das gesamte System geschwächt und man beraubt sich selbst vielfältiger Entwicklungs-Ressourcen.
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Beste Grüsse
Marc Hülsers



















