„Ehrlich, der hat doch keine Ahnung. Was für eine unprofessionelle Entscheidung."

Ein Satz in der Kaffeeküche oder auf dem Flur, vielleicht in einem Vier-Augen-Gespräch, das eigentlich um etwas ganz anderes ging. Eine fachliche Führungskraft redet über die disziplinarische Führungskraft desselben Mitarbeitenden. Zuerst eine Randbemerkung. Dann eine zweite. Irgendwann ein fester Bestandteil fast jedes Gesprächs. Eine tatsächliche Begebenheit aus meiner Trainer-Praxis. Aber genauso in manchen Organisationen eine Alltäglichkeit.
Der Mitarbeitende sitzt da und hört zu. Was soll er auch tun. Widersprechen ist riskant, schließlich ist die eine Führungskraft näher am eigenen Arbeitsalltag als die andere. Zustimmen fühlt sich falsch an, gleichzeitig aber seltsam vertraut, fast wie ein Vertrauensbeweis. Schweigen wird als Zustimmung gelesen. Jede der drei Optionen kostet etwas.
Was das mit dem Mitarbeitenden macht
Er steckt in einem Loyalitätskonflikt, den er sich nicht ausgesucht hat. Zwei Menschen mit Weisungsbefugnis über ihn, und einer redet schlecht über den anderen. Wem soll er vertrauen? Und was sagt es über die eigene Position, wenn man zum Publikum für den Frust einer Führungskraft wird?
Aus Coachinggesprächen kenne ich die Folgen. Der Mitarbeitende beginnt, Informationen zurückzuhalten, aus Sorge, sie könnten gegen die eine oder andere Seite verwendet werden. Er zieht sich aus Abstimmungen zurück, die fachlich wichtig wären, weil er nicht mehr weiß, auf welchem Terrain er sich gerade bewegt. Manche übernehmen mit der Zeit selbst den lästernden Ton, aus Anpassung oder aus echter Verärgerung. Und fast immer sinkt am Ende auch das Vertrauen in die fachliche Führungskraft, die den ersten Stein geworfen hat. Wer so offen über eine Kollegin oder einen Kollegen spricht, tut es womöglich auch über einen selbst, sobald man den Raum verlässt.
Die teuerste Folge zeigt sich woanders. Vertrauen sinkt nicht nur in die eine Person. Es sinkt in die Führung insgesamt. Wenn Führungskräfte übereinander herziehen, lernt das Team eine Lektion, die niemand aussprechen wollte: Konflikte klärt man hier nicht direkt. Man klärt sie über Dritte. Genau dieses Muster erklärt später, warum gute Leute kündigen, ohne dass jemand einen klaren Grund benennen kann.
Wo das Problem wirklich liegt
Eines ist wohl klar: Das Problem, welches hier "erschaffen" wird, liegt nicht bei der disziplinarischen Führungskraft, über die geschimpft wird. Es liegt bei der fachlichen Führungskraft, die schimpft.
Wer einen Konflikt mit einer Kollegin oder einem Kollegen hat, hat zwei Wege. Der eine ist unbequem: das Gespräch suchen, mit genau der Person, um die es geht. Der andere ist bequem: sich einen Verbündeten holen, der nicht widersprechen kann, weil er hierarchisch darunter steht. Wer den zweiten Weg wählt, nutzt die Machtdifferenz zum eigenen Mitarbeitenden für etwas, das damit gar nichts zu tun hat, nämlich für die eigene emotionale Entlastung.
Und noch etwas fällt mir in solchen Situationen immer wieder auf. Wer über eine andere Führungskraft herzieht, kritisiert meistens genau das, was er selbst gerade tut. Über jemanden zu reden statt mit ihm, ist kein Zeichen von Führungsstärke. Es ist das Gegenteil von dem, was der Mitarbeitende von seiner eigenen Führung tatsächlich braucht: Klarheit, Verlässlichkeit, ein Vorbild dafür, wie man mit Reibung umgeht.
Rückgrat ist kein Charakterzug
Ein möglicher Gedanke wäre jetzt: Manche Menschen haben eben Rückgrat, andere nicht. Das stimmt so nicht. Rückgrat ist keine Eigenschaft, mit der man geboren wird, sondern eine Fähigkeit, die aus Selbstkenntnis entsteht. Wer genau weiß, warum ihm das direkte Gespräch schwerfällt, kann daran arbeiten. Wer es nicht weiß, wiederholt das Muster, bis es zur Gewohnheit wird und irgendwann als Führungsstil gilt, ohne dass es jemand so nennt.
Hier setzt Transformationsbegleitung an, nicht bei Gesprächstechniken, sondern bei der Frage, warum jemand den unbequemen Weg meidet. Wenn Du in Deinem Unternehmen ähnliche Muster erkennst, lohnt sich ein ehrlicher Blick darauf, wie viel Rückgrat in Deiner (Führungs-) Mannschaft tatsächlich steckt und wie viel davon nur Lautstärke ist. Der Wachstumsnavigator gibt Dir dazu in wenigen Minuten eine erste, ehrliche Einschätzung. Den Link findest Du hier: https://marc-rnftgzhy.scoreapp.com
Viel Spass beim erweitern der Selbstkenntnis.
Beste Grüsse
Marc Hülsers



















